Die erste weibliche Unterstützung für unser Projekt

Juli 2016

 

Nachdem wir uns lange genug lediglich mit der Konzeption und Planung unseres Projekts beschäftigt hatten, war es im Juli nun endlich so weit – wir trafen die ersten Flüchtlinge. Ausgangspunkt für diese Begegnung war ein Facebook-Post der Flüchtlingshilfe Dormagen, in dem Ausstellungsmöglichkeiten für zwei syrische Künstlerinnen gesucht wurden. In anschließenden E-Mails und Telefonaten erzählte uns Chris Stoffels – der Ehrenamtler, von dem der Aufruf stammte – von Dalal und Durra, zwei jungen syrischen Frauen, die seit einigen Monaten in Deutschland lebten; wir im Gegenzug berichteten von unserer Idee. Da wir feststellten, dass die beiden Frauen gut in unser Konzept passten und auch sie Interesse an unserem Projekt zeigten, stand einem Treffen nichts mehr im Wege.

 

Die erste Begegnung fand am 23. Juli bei Kaffee, frischem Obst und viel Sonnenschein in Herrn Stoffels Garten statt. Wie uns schien, eignete sich dieser zwanglose und private Rahmen bestens für ein erstes Kennenlernen. An dieser Stelle wollen wir Chris Stoffels daher noch einmal ausdrücklich für seine Unterstützung und sein Engagement danken! Obgleich alle anfangs etwas befangen und unsicher waren, lockerte sich die Atmosphäre schnell merklich auf. Nachdem wir Dalal und Durra erst einmal von unserem Projekt berichteten und sie uns zusicherten, darin mitwirken zu wollen, versuchten wir im Laufe des Nachmittags vor allem, uns auf einer persönlichen Ebene näherzukommen und uns besser kennenzulernen.

     Da Durra ihre Nichten mitgebracht hatte kam die Rede sehr schnell auf die Familienverhältnisse der beiden, aber auch über ihre Berufe und Zukunftspläne sprachen wir. Durra erzählte uns beispielsweise von dem Vorhaben, in Deutschland Kunst studieren zu wollen – eine Möglichkeit, die sie in Syrien nicht hatte, weil es dort für Frauen als unschicklich galt, die Universität zu besuchen. Da wir – selbst Frauen – in einer Gesellschaft aufgewachsen sind, in der Gleichberechtigung im Bildungssystem und Selbstbestimmung für Frauen Normalität sind, löste dieses Fehlen grundsätzlicher Freiheiten persönliche Betroffenheit in uns aus. Dies war einer der Momente, in denen uns die kulturellen Unterschiede deutlich vor Augen geführt wurden. Gleichzeitig war es jedoch auch schön zu sehen, wie das Leben in Deutschland den beiden Frauen ganz neue Möglichkeiten, Freiheiten und Perspektiven eröffnet.

     An diesem Nachmittag erfuhren wir jedoch auch davon, wie schwer es für die beiden Frauen ist, diese Chance auf ein neues Leben auch tatsächlich wahrzunehmen. Beide berichteten uns davon, dass sie gerne besser Deutsch lernen und mit Deutschen in Kontakt treten würden, dies im Alltag jedoch extrem schwierig für sie sei. Während wir bislang nur unsere Perspektive kannten, die Berührungsängste und Unsicherheiten, machte uns dies nur zu deutlich, was das daraus resultierende Abstandhalten tatsächlich für die Geflüchteten bedeutet. Regelmäßig wird in den Medien über „Integrationsverweigerer“ diskutiert, aber kaum jemand scheint sich Gedanken darüber zu machen, dass wir oftmals selber welche sind – wenn auch aus einer diffusen Angst heraus. Umso wichtiger ist es uns, mit unserem Projekt einen Begegnungsraum zu schaffen, in dem genau diese Ängste abgebaut werden können. Denn während unseres Gesprächs ist uns nicht nur bewusst geworden, wie essentiell notwendig dieser Kontakt für die Flüchtlinge ist, sondern auch, wie bereichernd er für uns sein kann.

     Dies ist uns vor allem bewusst geworden, als Dalal und Durra uns einige Aufnahmen ihrer Werke zeigten. Während wir mit Bildern rechneten, welche die Schrecken und Erlebnisse des Krieges zumindest implizieren, bekamen wir tatsächlich Porträts und Landschaften präsentiert, die freundlich, farbenfroh und harmonisch waren. Anstatt Syrien nur durch die Brille des Krieges wahrzunehmen, halfen uns diese Werke, auch die Schönheit zu erkennen, die das Land und die Menschen zu bieten haben, das Bunte, das Friedliche – Facetten, die in der gegenwärtigen Situation leider leicht übersehen werden und die wir mit unserer Ausstellung ein wenig sichtbarer machen wollen.

 

Während der Nachmittag für uns also insgesamt eine sehr schöne Erfahrung war, gab es natürlich auch nicht zu leugnende Schwierigkeiten und Unsicherheiten. Das Hauptproblem bestand sicherlich in der sprachlichen Kommunikation. Da niemand von uns Arabisch spricht und kein Dolmetscher anwesend war, absolvierten wir alle Gespräche in einem Mix aus Deutsch und Englisch – beide Sprachen beherrschten die Frauen in ihrer Grundstruktur. Dennoch entstanden oftmals Situationen, in denen wir uns in keiner der beiden Sprachen wirklich verständlich machen konnten. Oftmals nutzen die Frauen dann ein Wörterbuch oder versuchten sich gegenseitig auf Arabisch das Gesprochene zu erklären, was jedoch auch nicht immer gelang. Obwohl diese Schwierigkeiten ein flüssiges Gespräch enorm erschwerten, wirkte niemand genervt oder frustriert. Ganz im Gegenteil, alle zeigten Geduld und Verständnis, wodurch am Ende zumindest die Kernbotschaft immer irgendwie ankam, und sei es mit Händen und Füßen.

     Eine Frage, über die wir uns bereits im Voraus Gedanken gemacht hatten und mit der wir auch im Laufe des Nachmittags konfrontiert wurden, war die des Umgangs mit dem Schicksal der Frauen. Auch wenn sie es sich im Gespräch nicht anmerken ließen, war uns natürlich bewusst, dass diese fröhlich wirkenden jungen Frauen Dinge erlebt hatten, die wir uns nicht einmal im Ansatz ausmalen können. Obwohl wir versuchten, diese Erlebnisse bewusst nicht zu thematisierten, ließen sie sich dennoch nicht vollständig aus dem Gespräch ausklammern. Das Erkundigen nach den drei Mädchen, mit denen Durra gekommen war, führte so beispielsweise schnell zu der Erklärung, dass dies die  Kinder ihres erschossenen Bruders seien, die nun bei ihr lebten. In solchen Momenten wussten wir kaum mit dem Gehörten umzugehen. Uns war bewusst, dass traurige Blicke und Mitleid niemanden helfen, aber das Schicksal schlichtweg zu ignorieren erschien uns genauso falsch. Dieser Spagat zwischen dem Bewusstmachen der Erlebnisse und dem normalen Umgang mit den Betroffenen begleitet uns bis heute.

     Eine Unsicherheit, die wir durch die Begegnung mit Dalal und Durra hingegen überwinden konnten, waren Gedanken und Zweifel bezüglich Moralvorstellungen und Höflichkeit. Da es am Tag des Treffens sehr warm war, machten wir uns vor allem Gedanken über unsere Kleidung: War es okay, in kurzen Hosen oder Röcken zu erscheinen? Wie würden die Syrerinnen auf unsere lackierten Zehennägel reagieren? Auch, wie wir auf die Frauen zugehen sollten fragten wir uns: Durften wir ihnen die Hand geben? Welche Begrüßung galt als höflich, welche als unhöflich? Während wir uns also den Kopf zerbrachen, waren wir uns gleichzeitig im Klaren darüber, dass all dies grundlegende Unsicherheiten sind, die wahrscheinlich die meisten Deutschen und ebenso viele Flüchtlinge empfinden. Selbstverständlich möchte man der fremden Kultur in seinem Verhalten und Aussehen Respekt entgegenbringen, gleichzeitig aber die eigene Kultur nicht verstecken, möchte höflich sein, aber dabei auch zu sich selbst stehen. Während wir die perfekte Lösung noch suchten, zeigten uns Dalal und Durra jedoch, dass es diese gar nicht braucht. Während Dalal in langer Kleidung und Kopftuch erschien, trug Durra ihre Haare offen und ihre Zehennägel lackiert. Und anstatt mit gerunzelten Augenbrauen auf etwaige Unhöflichkeiten zu reagieren, mussten wir in diesen Situation gemeinsam lachen.

 

Am Ende des Tages gingen wir also mit einem sehr positiven Eindruck von Dalal, Durra und dem gesamten Treffen nach Hause. Beide waren – ebenso wie wir – etwas schüchtern und zurückhaltend, jedoch vor allem offen, freundlich und höflich. Durch diese Erfahrung – das können wir alle vier sagen – haben sich unsere Berührungsängste in erheblichem Maße dezimiert. Wir haben am eigenen Leib erfahren, dass man sich ganz grundsätzlich versteht, dass man merkt, wann Dinge ernst gemeint sind und wann nicht und dass man sogar über die gleichen Dinge lachen kann – Männer sind wohl überall auf der Welt schweigsam. Obwohl sich gerade die sprachlichen Schwierigkeiten nicht leugnen lassen und kulturelle Unterschiede existieren, hat uns die Begegnung jedoch ganz deutlich gezeigt, dass sich diese Kluften überbrücken lassen. Entscheidend ist, dass beide Seiten sich dieser Differenzen und Unsicherheiten bewusst sind, sie zulassen und akzeptieren. Es bedarf lediglich der Bereitschaft, aufeinander zuzugehen und sich auf das Gegenüber sowie die Situation einzulassen. Denn dann, das haben auch wir festgestellt, sind die Gemeinsamkeiten auf einmal viel größer als die Unterschiede.

 

 

 

 

 

…und die männliche Unterstützung folgt auf dem Fuß

Juli 2016

 

Mit Dalal und Durra haben wir zwei tolle syrische Kunstschaffenden für unser Projekt begeistern können; eine Woche später gelang uns mit dem Iraner Hossein Asivand der nächste Glücksgriff. Wie schon im Falle der Kunstaktion im Jugendfreizeitheim St. Sebastian, sind wir auch auf ihn durch einen Zeitungsartikel aufmerksam geworden: In Form eines Comics in der Rheinischen Post „Comics in der Rheinischen Post“, bei der er zu dieser Zeit ein Praktikum absolvierte, illustrierte Hossein dort zusammen mit einem Übersetzer eindrucksvoll seine Flucht aus dem Iran. Beeindruckt von der zeichnerischen Qualität des Comics und seiner Lebensgeschichte, nahmen wir über die Rheinische Post mit Hossein Kontakt auf. Bereits kurze Zeit später verabredeten wir ein Treffen mit ihm.

 

Die Begegnung fand am 30. Juli in Düsseldorf statt. Aufgrund des guten Wetters entschlossen wir uns für ein Treffen in der Nähe des Hofgartens, der für alle gut erreichbar war und eine entspannte Atmosphäre bot. Da wir nicht wussten, wen genau wir erwarteten, waren wir anfangs ein bisschen nervös, was sich aber sofort legte, als wir Hossein schließlich kennenlernten. Von Beginn an wirkte er sehr zuvorkommend, höflich und interessiert, auch wenn er noch ein wenig unsicher schien, was ihn von unserer Seite erwarten würde. Während die Medien oftmals ein stereotypes Bild des arabischen Mannes zeichnen, der Frauen als weniger wert empfindet und als unmündig behandelt, saß uns mit Hossein das absolute Gegenteil gegenüber.

     Obwohl es auch während des Gesprächs mit Hossein Kommunikationsschwierigkeiten gab, da er nur sehr wenig Deutsch und ein bisschen Englisch sprach, konnten wir durch unsere Erfahrungen mit Dalal und Durra schon wesentlich entspannter mit der Situation umgehen. Durch langsames Sprechen, das Wiederholen nicht verstandener Sätze sowie mit Hilfe einer leichten Wortwahl erklärten wir Hossein nach und nach, was der Kern unseres Projekts ist und welche Rolle er dabei spielen sollte. Ihm schien unsere Idee gut zu gefallen und er willigte ein, an der Ausstellung mitzuwirken. Einige Tage später schickte er uns Bilder von seinen Werken, die uns einen ersten Eindruck von seinem Schaffen abseits des Comiczeichnens vermittelten. Uns erstaunte dabei nicht nur die hohe Qualität seiner Werke, sondern vor allem ihre Vielfalt – von Porträts über abstrakte Leinwandarbeiten bis hin zu grafischen Illustrationen hatte sein Repertoire eine Menge zu bieten. Eine Bereicherung für unsere Ausstellung!

 

Während wir bereits vor dem Treffen mit Hossein bemerkten, dass wir wesentlich entspannter auf die bevorstehende Begegnung blickten, haben sich unsere Unsicherheiten und Berührungsängste mit diesem Treffen noch einmal deutlich reduziert. Gerade „Der arabische Mann“ wird in den Medien gerne als Schreckgespenst verwendet, der sich gegen Gleichberechtigung und weibliche Selbstbestimmung sperrt – tatsächlich jedoch haben wir bis heute nur gegenteilige Erfahrungen gemacht. Nicht nur im Rahmen unseres Kunstprojekts, auch im Privaten sind wir als Folge unserer positiven Erfahrungen in der Zwischenzeit mit Geflüchteten in Kontakt gekommen, die wir mittlerweile sogar zu unseren Freunden zählen. Somit haben wir das, was wir mit unserer Ausstellung für viele Außenstehende noch erreichen wollen, für uns persönlich zu einem großen Teil bereits geschafft.