Kunstprojekt des Jugendheims St. Sebastian in Nettetal

Juni 2016

 

Wie das Leben so spielt, sind es manchmal Zufälle, die auf interessante Projekte aufmerksam machen. In diesem Fall war es ein Zeitungsartikel in der Westdeutschen Zeitung, in dem über eine Kunstaktion mit jugendlichen Flüchtlingen berichtet wurde, deren Ergebnisse ausgestellt werden sollen. Nach einem ersten, sehr netten Telefongespräch mit Herrn Stefan Pläp vom Jugendfreizeitheim Arche Lobberich, dem Verantwortlichen des Projekts, entschlossen wir uns schnell,

Jugendfreizeitheim Arche Lobberich, dem Verantwortlichen des Projekts, entschlossen wir uns schnell, nach Nettetal zu fahren und uns die Ergebnisse des Kunstprojekts vor Ort anzuschauen.

     Der besagte Besuch fand am 29. Juni 2016 statt. Nachdem Herr Pläp uns bereits am Telefon einiges über die Kunstaktion erzählt und im Gegenzug von unserem Vorhaben erfahren hatte, stellte er uns das Projekt des Jugendfreizeitheims und dessen Arbeitsweise noch einmal ausführlich vor. An mehreren Terminen haben geflüchtete Jugendliche, Heranwachsende aus dem Jugendheim sowie ein deutsches Künstlerehepaar zusammen Bilder gestaltet. Explizites Thema dieser Werke ist die Flucht – sowohl die selbst durchlebte als auch Eindrücke der Flucht von außen, durch die Berichterstattung der Medien. Von Beginn an waren die Bilder für Institutionen wie Jugendheime und Schulen vorgesehen, in denen sie in Form einer Wanderausstellung gezeigt werden sollten, weshalb wir überlegten, sie auch in unsere Ausstellung einzubauen.

     Anschließend an diese Vorstellung führte Herr Pläp uns durch die Räumlichkeiten, in denen die Bilder aushingen. Dabei erzählte er uns die Geschichten der einzelnen Werke und ihre Wege von der anfänglichen Skizze bis zum fertigen Bild. Obwohl die Bilder ganz verschiedene Eindrücke vermittelten, waren es in den meisten Fällen ungeschönte Darstellungen des Erlebten: Sie erzählten von Krieg, Flucht und erfahrener Grausamkeit. Während die Werke für sich also bereits erschütternd waren, gewannen die Schicksale der Kinder und Jugendlichen Als Folge der Erzählungen Herrn Pläps noch einmal besonders an Präsenz. Durch die Geschichten hinter den Bildern wurden diese schnell von Ausdrücken einer für uns oftmals abstrakten Vorstellung von Krieg und Flucht zu Zeugnissen realer Erlebnisse, wurden die anonymen Werke zu sehr persönlichen und intimen Bildern. Die Eindrücke, die wir dort gewannen, wirkten bei uns noch lange nach.

     Während des Rundgangs berichtete Herr Pläp uns jedoch nicht nur von den Hintergründen der Bilder, sondern auch von seinen generellen Erlebnissen im Umgang mit den Flüchtlingen und ihren Familien. Dabei stellten wir schnell fest, dass Unsicherheiten und die Frage nach der Überbrückung kultureller Unterschiede bei weitem nicht nur Einzelpersonen betreffen, sondern genauso Institutionen, Vereine und Organisationen. Während wir uns Gedanken über Höflichkeit, die von uns erweckten Eindrücke oder mögliche Sprachschwierigkeiten machen, sind es dort beispielsweise Fragen nach der Buffetgestaltung, kulturell unterschiedlichen Essgewohnheiten und Folgen der Nahrungsmittelknappheit auf der Flucht, welche die Verantwortlichen bedenken müssen. Berührungsängste und Unsicherheiten gibt es also auf allen Ebenen – die Frage ist nur, wie wir damit umgehen.

 

Nach diesem sowohl informativen als auch emotionalen Besuch setzten wir uns lange zusammen und sprachen über unsere Eindrücke. Dabei haben wir uns letztendlich dagegen entschieden, die Bilder in unsere Ausstellung aufzunehmen. Ein ausschlaggebendes Argument bestand darin, dass die Werke nicht ausschließlich von Flüchtlingen gestaltet wurden, sondern auch von nicht geflüchteten Jugendlichen sowie in Zusammenarbeit mit deutschen Künstlern. Gerade der Eingriff des Künstlerehepaars erschien uns jedoch für eine Präsentation im Rahmen unseres Vorhabens zu stark und zu offensichtlich: Die Künstler haben nicht nur einen großen gestalterischen Anteil an den Bildern – die Hintergründe beispielsweise wurden ausschließlich von ihnen gestaltet –, sondern lenkten die Jugendlichen auch thematisch in eine ganz bestimmte Richtung. Im Rahmen unserer Ausstellung wollen wir jedoch ausschließlich Bilder zeigen, deren Sujets die Flüchtlinge selbst gewählt haben. Auch wenn wir es generell als enorm wichtig betrachten, die Erlebnisse aus dem Krieg und von der Flucht zu verarbeiten, hat die Kunstaktion mit diesem Thema dennoch einen Fokus, den wir in unserem Projekt bewusst vermeiden wollen, um den Menschen hinter dem Flüchtling zu zeigen. Zudem schwebt uns schon länger die Idee vor, als eine Station unseres Rahmenprogramms einen Malnachmittag mit Kindern zu organisieren und diese Ergebnisse dann auszustellen – eine Präsentation der Werke der Nettetaler Kunstaktion würde somit in gewisser Weise eine Doppelung bedeuten.

 

Auch wenn wir die Bilder der Kunstaktion des Jugendheims St. Sebastian somit nicht in unserer Ausstellung zeigen werden, wollen wir dennoch betonen, wie toll und vorbildlich wir das Projekt finden. Es bietet Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, sich gestalterisch auszudrücken, dabei ihre Erfahrungen zu verarbeiten und schließt auch diejenigen ein, die vorher noch nicht mit künstlerischen Ausdrucksmitteln in Berührung gekommen sind. Zudem trägt das Projekt durch das gemeinsame Schaffen und den direkten Kontakt geflüchteter Jugendlicher mit in Deutschland Herangewachsenen in erheblichem Maße zur Integration bei, indem kulturelle Brücken geschlagen und Berührungsängste abgebaut werden. Und auch die Tatsache, dass die Bilder der Öffentlichkeit gezeigt werden sollen, finden wir gut und wichtig: Wie wir selbst erlebt haben, eröffnen die Bilder einen Zugang zu den persönlichen Gefühlen und Erlebnissen der Geflüchteten und vermitteln einen Eindruck von dem, was sie tatsächlich erlebt haben. Dies führt nicht nur dazu, dass Gefühle im Betrachter ausgelöst werden, die auf lange Sicht möglicherweise ein stärkeres Engagement zur Folge haben, sondern weckt vor allem Verständnis – Verständnis für die Situation der Geflüchteten, für ihre Beweggründe, für ihre Erlebnisse und die Folgen, die all dies mit sich bringt. Und dieses Verständnis ist genau das, an was es unserer Gesellschaft momentan an vielen Stellen mangelt.