Entwicklung unseres Teamprojekts

November 2015 bis Juni 2016

 

Nachdem die Idee einer Ausstellung mit Flüchtlingen Gestalt angenommen hatte, bestand der nächste Schritt für uns darin, einen Betreuer für unser Teamprojekt zu suchen. Fündig wurden wir bereits nach kurzer Zeit mit Herrn Prof. Dr. Timo Skrandies, bei dem wir erste praktische Tipps und Anregungen bezüglich unseres Vorhabens erhielten. In einem Gespräch mit ihm ergab sich auch die erste bedeutende Änderung unseres Konzepts: Statt wie anfangs geplant den Blickpunkt unserer Ausstellung auf Fluchtgeschichten oder die individuelle Wahrnehmung des neuen Heimatlandes zu legen, beschlossen wir, genau diese Aspekte bewusst auszuklammern. Stattdessen wollten wir uns nun auf die einzelnen Persönlichkeiten konzentrieren und auf diese Weise zeigen, dass geflüchtete Menschen viel mehr sind als nur Flüchtlinge, dass dies ihre Identität bei weitem nicht bestimmt. Besonders schön bringt diesen Gedanken ein Zitat Daniele Gigliolis zum Ausdruck, das zwar nicht auf die aktuelle Flüchtlingskrise bezogen ist, diese aber genau zu treffen scheint:

 

Doch es gibt Mitleid und Mitleid. Bedeutender ist tatsächlich, was diese Rahmung den Opfern selbst antut. Sie stigmatisiert sie, verleiht ihnen eine Identität, die sie, wie der bereits zitierte Mesnard schreibt, »gänzlich oder zum Teil ihrer Biografie und ihrer kulturellen Bezüge beraubt, oder aber diese eingrenzt«. Sie nimmt ihnen also ihre Subjektivität, ebenso wie jedes andere Recht als das auf Hilfe […]. Auf das heruntergeschrumpft, was ihnen angetan worden ist, haben sie zwar Tränen, aber keine Argumente. Ihre Stimme dient, wie die von Tieren, einzig dazu, Vergnügen, vor allem aber Schmerz auszudrücken, und nicht etwa dazu, sich über Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit zu verständigen […]. Ihre Wahrheit liegt im Blick des Anderen: des Gnädigen, des Mitleidigen.“

(Daniele Gigliolis: Die Opferfalle: Wie die Vergangenheit die Zukunft fesselt. Berlin 2015.)

 

Der Fokus unseres Projekts war also klar, aber wie sollten wir es nennen? Diese zentrale Frage beschäftigte uns eine ganze Zeit lang. Während wir im Titel natürlich vermeiden wollten, die Stigmatisierung der Geflüchteten zu verstärken, sollte dieser jedoch gleichzeitig auch deutlich machen, dass es sich um ein Kunstprojekt mit einer bestimmten Gruppe von Menschen handelt. Nachdem wir zahlreiche Ideen hervorgebracht und wieder verworfen hatten, gab schließlich Herr Prof. Dr. Skrandies den entscheidenden Anstoß, sich im Titel auf die gegenwärtige Stellung der Flüchtlinge in unserer Gesellschaft zu beziehen. Unser Projekt hatte endlich einen Namen:

 

Zwischenraum – Zwischen Innen und Außen.

 

Während unser Konzept also weiter reifte, trieben wir auch die praktischen Überlegungen voran und trafen uns mit Frau Prof. Dr. Hülsen-Esch, der Prorektorin für Internationales der Heinrich-Heine-Universität. Von ihr erhielten wir vorab erst einmal wichtige Ratschläge bezüglich des Umgangs mit Flüchtlingen, sie machte uns auf kulturelle Unterschiede und mögliche Komplikationen aufmerksam. Dazu zählen nicht nur Sprachschwierigkeiten, sondern auch die Möglichkeit, dass Flüchtlingen von einem auf den anderen Tag in eine andere Stadt verlegt werden können sowie die Tatsache, dass Pünktlichkeit im Kulturkreis vieler Flüchtlinge einen wesentlich geringeren Stellenwert hat als in Deutschland. Durch dieses Gespräch merkten wir erst, wie unbedarft wir tatsächlich an das Thema herangegangen waren, aber auch, dass all diese Faktoren für uns keinen Grund darstellten, das Projekt aufzugeben, sondern vielmehr eine Herausforderung und Bereicherung. Tatsächlich haben uns diese Tipps rückblickend in vielen Situationen sehr geholfen – beispielsweise Zuspätkommen nicht als Unhöflichkeit oder Desinteresse zu interpretieren, sondern es als kulturellen Unterschied zu akzeptieren. Vor allem ist uns aber bewusst geworden, wie schwierig eine Verständigung im Alltag sein kann, wenn diese kleinen, aber entscheidenden Aspekte nicht vermittelt werden und es aufgrund von Unwissenheit fast zwangsläufig zu Missverständnissen und Integrationsschwierigkeiten kommen muss.

     Darüber hinaus war uns Frau Prof. Dr. Hülsen-Esch besonders in Bezug auf die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten für unsere Ausstellung eine große Hilfe. Nachdem die Anfangsüberlegung darin bestand, die Werke in einem Raum des Studierendenservicecenters auf dem Campus der Universität zu zeigen, fiel die Wahl schließlich auf das Haus der Universität, das uns als optimale Räumlichkeit erschien. Nicht nur garantiert es eine größere Sichtbarkeit und Öffentlichkeit für unsere Ausstellung, auch sind die zentrale Lage in der Innenstadt sowie seine freie Zugänglichkeit bestens geeignet, um einen neutralen Begegnungsraum zu schaffen. Aus der Wahl des Ausstellungsortes ergaben sich schnell eine ungefähre Anzahl von Werken und Kunstschaffenden, die wir zeigen konnten, zudem ein konkreter Ausstellungstermin sowie erste Überlegungen über das Rahmenprogramm und die Vernissage – unser Projekt nahm langsam Formen an.

     In dem Gespräch mit Frau Prof. Dr. Hülsen-Esch wurden wir jedoch auch mit Problemen konfrontiert, die uns bis heute begleiten – das größte betrifft die Finanzierung. Gerade in der aktuellen Situation, in der zum einen das Geld für Kulturprogramme knapp ist, zum anderen überall finanzielle Unterstützung für Flüchtlinge gebraucht wird, ist es schwierig, für ein Projekt wie unseres Geldgeber zu finden.

     Insgesamt waren die Anregung sowie die tatkräftige Unterstützung von Frau Prof. Dr. Hülsen-Esch unglaublich wichtig für uns, da wir vorher nicht wirklich wussten, wo wir ansetzen sollten und viele Dinge alleine nicht geschafft hätten. Dafür wollen wir uns in diesem Rahmen natürlich noch einmal ausdrücklich bedanken!

 

Nach diesen hilfreichen Gesprächen sollte unser nächster Schritt die Kontaktaufnahme mit Flüchtlingen darstellen, die – auf Anregung von Prof. Dr. Hülsen-Esch hin – durch den Besuch eines Vortrags über Studienoptionen für Flüchtlinge an der HHU stattfinden sollte. Jedoch merkten wir von Beginn an, dass unsere Berührungsängste noch sehr groß waren. Anstatt direkt auf die Flüchtlinge zuzugehen, waren wir schüchtern, betraten nur zögernd den Vortragssaal und suchten uns einen Platz in einiger Entfernung von der Menge. Vor allem waren wir jedoch unsicher, wie die Geflüchteten auf uns und unser Projekt reagieren würden, ob sie in ihrer Situation überhaupt Interesse oder einen Sinn für Kunst hätten. Auch in Bezug auf die Kontaktaufnahme selbst hatten wir Zweifel: Wie sollen wir auf diese Menschen zugehen? Wie sprechen wir sie an? Wie vermeiden wir, dass wir aus Unwissenheit heraus unhöflich sind? Während diese Ängste zu einem großen Teil normal sind, ist uns am Ende des Tages – der als Folge all dessen keine direkte Kontaktaufnahme mit sich brachte – vor allem klar geworden, wie hinderlich oder gar gefährlich es sein kann, wenn man sich diese Angstgefühle nicht bewusst macht und sich mit ihnen auseinandersetzt, sondern stattdessen in ihnen verharrt. Denn dies verhindert nicht nur, dass überhaupt eine Integration stattfinden und eine gesunde Gesellschaft entstehen kann, sondern ist letztendlich auch der Nährboden für Hass, Wut und Ablehnung. Auch persönlich hatten wir also einen weiten Weg vor uns.