Von einer Idee zum Projekt

November 2015

 

 

Egal wo man hinschaut – die aktuelle Flüchtlingssituation in Deutschland ist nicht zu übersehen. Besonders gegen Ende des Jahres 2015, als die Idee zu unserem Teamprojekt entstand, waren die enormen Flüchtlingsströme überall präsent. Nicht nur die Medien schienen kaum noch ein anderes Thema zu kennen, auch in unserem Alltag wurden wir ständig mit der aktuellen Entwicklung konfrontiert – sei es an Bahnhöfen, an denen zahlreichen Flüchtlinge ankamen, in Städten, in denen sich das Bild der umherschlendernden Menschen merklich wandelte oder durch die Nachricht, dass das Sportzentrum der Universität als Notunterkunft zur Verfügung gestellt wurde und für einige Zeit erst einmal nicht mehr genutzt werden konnte.

     Was uns bei all dem – und besonders in der Berichterstattung der Medien – jedoch deutlich auffiel, war die Tatsache, dass fast immer nur „die Masse“ der Flüchtlinge präsent war. Egal ob durch Aufnahmen überfüllter Züge und Bahnhofshallen oder durch die Berichtserstattung von griechischen Ferieninseln sowie der Balkanroute – immer waren es nur „die Flüchtlinge“, über die berichtet wurde, nie wurde der einzelne, individuelle Mensch in den Vordergrund gerückt; und falls doch, so bekam man schnell den Eindruck, war der einzige Zweck, möglichst sensationsträchtig das möglichst grausame Schicksal der einzelnen Flüchtlinge auszuschlachten.

     Während wir uns über diese Themen unterhielten, wurde uns erst bewusst, wie stark die mediale Lenkung während der Flüchtlingskriese doch war – und immer noch ist – und wie die Medien, indem sie bestimmen, welche Bilder und Informationen wir überhaupt erhalten, eine ganz zentrale Rolle bei der individuellen Meinungsbildung spielen.

     Jedoch nicht nur die Zeitungen und Fernsehsender, auch die sozialen Medien sind und waren diesbezüglich ein bedeutender Einflussfaktor. Der besonders auf Facebook spürbare Populismus, die wut- und hasserfüllten Kommentare, die grotesken und größtenteils schlichtweg dummen Behauptungen – So schlecht kann es den Flüchtlingen ja gar nicht gehen, wenn sie Smartphones besitzen – ließen uns einfach nur sprachlos zurück. Obwohl solche Aussagen oftmals aus einer verständlichen Angst und Unsicherheit heraus oder einer grundsätzlichen Unzufriedenheit mit der Politik in Deutschland entstanden, die kein Geld für Arbeitslose und Sozialhilfe, aber jetzt plötzlich welches für Flüchtlinge zu haben schien, empfanden wir es als inhuman, dafür Menschen verantwortlich zu machen, die ihr Leben riskierten, um in Europa dem Krieg und dem sicheren Tod zu entkommen.

     Glücklicherweise gab und gibt es jedoch auch zahlreiche Deutsche, die die Situation nicht grundlegend verkennen. Der Ansturm an Ehrenämtern, die von Beginn an ihren Teil dazu beitragen wollten, den Geflüchteten zu helfen, konnte von den Städten sowie Gemeinden kaum bewältigt werden; Bilder von Deutschen, die Flüchtlinge an Bahnhöfen mit Nahrung und Kleidung versorgten, gingen um die Welt. Dennoch herrschte auch hier das Gefühl vor, mit der Situation überfordert zu sein, die schiere Anzahl an Geflüchteten nicht bewältigen zu können, da für eine flächendeckende, schnelle und effektive Hilfe schlichtweg Geld, geschultes Personal sowie Unterkünfte fehlten. Wenn diese Grundversorgung kaum gewährleistet werden konnte, wenn kaum genügend Personal für Deutschkurse vorhanden war, wie sollte dann eine gelungene Integration gewährleistet werden?

 

Genau an diesem Punkt, so beschlossen wir, sollte unser Projekt ansetzen. Aus einer Mischung von persönlicher Wut und dem Gefühl, sich dem Hass und der Hetze konstruktiv entgegenstellen zu müssen; aufgrund einer enormen Hilflosigkeit bei dem Anblick der Bilder und Schicksale; aus dem Gefühl, im Rahmen unserer Möglichkeiten etwas tun zu müssen, um Geflüchtete in unsere Gesellschaft zu integrieren. Während wir das Helfen als etwas existenziell Menschliches empfanden, waren aber natürlich auch wir nicht frei von Berührungsängsten und Unsicherheiten, die uns in Hinblick auf unser Projekt überkamen. Wie sollten die Sprachschwierigkeiten überwunden werden? Wie sollten wir mit den teilweise schweren Traumatisierungen umgehen? Wie groß ist die kulturelle Kluft tatsächlich, wie werden wir als Deutsche und unser Lebensstil wahrgenommen? All diese Fragen waren für uns jedoch kein Grund, die Idee zu verwerfen, sondern genau das Gegenteil war der Fall: Uns wurde bewusst, wie irrational diese Ängste in den meisten Fällen sind und wollten durch unser Projekt nicht nur unsere eigenen Zweifel abbauen, sondern auch dazu beitragen, anderen Menschen – seien es nun Deutsche oder die ähnlich empfindenden Flüchtlinge – bei diesem Schritt zu helfen.

 

Aus diesen Gedanken heraus entstand die Grundidee, Geflüchteten durch Kunstschaffen die Möglichkeit zu bieten, sich und ihre Erlebnisse sowie Gefühle auszudrücken, aber auch, mittels der Ausstellung einen Raum der Begegnung sowie eine Kommunikationsbasis zu schaffen. Während es im Alltag meist schwer ist, tatsächlich in Kontakt zu kommen und die Menschen auf einer persönlichen Ebene kennenzulernen, wodurch die Chancen einer gelungenen Integration gering sind, wollen wir mit unserer Ausstellung eine Plattform schaffen, auf der genau dies möglich ist. Dabei möchten wir bewusst nicht in der „deutschen“, „medial eingetrichterten“ Perspektive verharren, sondern auch aktiv die andere Seite und Sichtweise kennenlernen, um nicht nur Ängste und Unsicherheiten abzubauen, sondern auch gegenseitiges Verständnis zu wecken. Dass wir uns dabei nicht auf die Gesamtheit der Flüchtlinge, sondern auf die individuellen Personen und Charaktere konzentrieren möchten, um diesen Menschen ein Gesicht zu geben, war uns allen von Beginn an klar. In diesem Rahmen ist es uns zudem essentiell wichtig, dass die Ausstellung für alle zugänglich ist: Dies bedeutet nicht nur freien Eintritt, sondern auch eine Übersetzung aller Texte sowohl ins Englische als auch ins Arabische, um keine Präsentation nur für „die Deutschen“ oder „die Flüchtlinge“, sondern ein gemeinsames Erleben zu ermöglichen. Zudem war uns von vornherein klar, dass die Begegnung auf neutraler Basis stattfinden soll, also nicht in einem Flüchtlingsheim, sondern an einem Ort, an dem beide Seiten die gleichen Voraussetzungen für eine Kontaktaufnahme haben. Und die Kunst, universeller als die Sprache und für alle zugänglich, erscheint uns dafür das beste Mittel.